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WEIßBROTMUSIK von Marianna Salzmann wurde am 18. September 2012 mit dem IKARUS ausgezeichnet.

Der Schirmherr Axel Prahl hielt die Laudatio und überreichte den IKARUS, der jährlich für herausragende Theaterinszenierungen für Kinder und Jugendliche ausgelobt wird.

Aus der Begründung der Jury:
„Die Inszenierung zeigt, ohne in Schutz zu nehmen. Die Hauptfiguren werden nicht zu Monstern stilisiert – und ihre Taten nicht entschuldigt. Sie werden in ihrem So-Sein gezeigt, nicht erklärt. Damit schafft Regisseur Nick Hartnagel eine heikle Gratwanderung. Erst im Publikumsgespräch wird der Fall aufgerollt. Was lief falsch? Wann hätte eingegriffen werden müssen?
Fernab von populistischen Phrasen und Vorverurteilungen ermöglicht die Inszenierung eine Auseinandersetzung mit der Lebenswelt postmigrantischer Jugendlicher und Jugendlicher allgemein. Ihre Standpunkte, Ängste, Wut, aber auch ihr Verständnis und ihre Hilfsbereitschaft werden ernst genommen. Dem jugendlichen Publikum werden Überraschungen und Herausforderungen zugemutet, ihm wird jedoch auch, und das ist vor allem wichtig, zugehört.”

Infos zum Stück WEIßBROTMUSIK...

Laudatio, gehalten von Axel Prahl

„Irgendwo in Deutschland:
In einer Szenencollage nehmen uns die Jugendlichen Aron, Sedat und das Mädchen Nurit mit in ihre Lebenswelt. In ihren Alltag, der vom Abhängen im Kiez bis zu Gesprächen mit ihren Müttern reicht.
Alle drei kennen sich gut und sind befreundet.
Sedat und Nurit sogar ein bisschen mehr. Nurit ist schwanger. Von Sedat. Das bringt erste Spannungen zwischen den Freunden. Weitere kommen dazu und belasten das Dreiecksverhältnis stärker und stärker, die Nervosität und der Zigarettenkonsum steigen.

Die Figuren von ‚Weißbrotmusik’ und ihre Konstellationen zueinander wurden von der jungen Autorin Marianna Salzmann geschickt gestaltet.
Als Jüdin, so sagt sie selbst, kennt sie die Erfahrung des positiven Rassismus, während beispielsweise Muslime häufig gegen negative Vorurteile ankämpfen müssen. Für die Autorin Salzmann sind es zwei Seiten einer Medaille, die es nicht zulässt, Menschen, die mit uns leben, lediglich als Menschen zu sehen, die ganz einfach nur mit uns leben. Dem klischeehaften Blick von ‚guter Jude’ und ‚böser Moslem’ hat sie daher in dem Stück die Sicht versperrt.
Sedat, der Moslem, und Aaron, der Jude, sind in einem fremden Land, in dem beide geboren sind, gute Freunde geworden.
Sie sind in Deutschland aufgewachsen, anscheinend arbeitslos und ohne Perspektive und Zukunftsvisionen. Nurit geht noch zur Schule, eine schwangere Schülerin, die Mutter werden will.

Nichtstun und Herumhängen kann Nervosität und Anspannung verursachen. Wie soll der Tag verlaufen? Wie kann er interessant werden?
Vielleicht mit dem Kampf gegen das Land, in dem man lebt, dessen Gesellschaft einen aber nicht am wirklichen Leben teilhaben lässt?
Oder mit einem Joint? Oder Stress mit den Freunden? Zum Beispiel, wenn die Freundin nicht abtreiben will!
Und dann die Eltern zu Hause.
In ‚Weißbrotmusik’ sind es die Mütter, die nerven. Soll ein cooler Typ sich vor einer Frau rechtfertigen müssen, was er tut? Auch wenn es die Mutter ist? Und immer stellen Mütter solche krassen Fragen. Zum Beispiel nach der Freundin, und sie will sie kennenlernen, ihre zukünftige Schwiegertochter. Nur weil Nurit ein Kind bekommt! Ist das ein Grund? Woher soll man die Antworten auf die vielen Fragen wissen?
Das kann einem doch alles zu viel werden!

Und dann kommt auch noch ein Deutscher daher, aus diesem kalten Deutschland, das über uns bestimmen will, seit wir leben – und so ein ‚Weißbrot’ sagt zu uns, wir sollen nicht rauchen!

Mit ‚Weißbrotmusik’ verpassen uns die Autorin Marianna Salzmann und der Regisseur Nick Hartnagel einen kräftigen Denkanstoß über unser Zusammenleben mit jungen Menschen aus Deutschland, die das Stigma ‚mit migrantischem Hintergrund’ offensichtlich wie eine bedrückende Last durchs Leben schleppen.
Und scheinbar unvermittelt eskaliert die Gewalt, plötzlich und grundlos.
Wirklich grundlos?

Die Zuschauer geraten in Streit mit sich selbst. Irgendwie mag man die beiden Protagonisten in ihrer Unbefangenheit, ihrer Unsicherheit, ihrer Unbeherrschtheit, in ihren Ängsten und in ihrer Wut. Aber dann die Gewalt, wie reagieren wir darauf, sollen wir wegschauen, sollen wir eingreifen? Können wir das etwa entschuldigen?

Weißbrotmusik wird vom THEATER STRAHL für ein junges Publikum auf die Bühne gebracht. Mit sehr sparsamen Mitteln, sich ganz auf die hervorragenden Leistungen seiner Schauspielerinnen und Schauspieler verlassend, inszeniert Nick Hartnagel den Alltag der drei Jugendlichen.

Allen Erwachsenen, die dieses ´Theater für Jugendliche´ besuchen, möchte ich für ihre Entscheidung dankbar die Hand schütteln.
Denn es ist auch eine Inszenierung für Erwachsene, für Eltern, die es gemeinsam mit ihren Kindern ansehen sollten. Für Schulgruppen und Lehrerinnen und Lehrer ist es sowieso ein ´Muss´. Alle sollten hierüber ins Gespräch miteinander kommen. Die Inszenierung verabschiedet sein Publikum nicht ohne ein solches – in dem jeder seine Fragen, aber auch seine persönliche Unsicherheit bei einer schnellen Bewertung formulieren kann. In diesen Gesprächen zeigt sich, wie komplex die Hintergründe sind, wie schwer es ist, Gründe dingfest zu machen, und wie sehr Verständnis und Verurteilung in einem in Widerstreit geraten können.

Das Besondere an ‚Weißbrotmusik’ ist, wie sich die Bühnenhandlung mit der Realität vermischt – inspiriert durch einen wahren Vorfall in der Münchner U-Bahn, während des Spiels und auch nach der Vorstellung, wenn man nach Hause geht und Jugendliche an der nächsten Straßenecke abhängen sieht, in München - oder Berlin, Hamburg, Stuttgart - irgendwo in Deutschland.

Als Gewinner des IKARUS 2012 für ´Theater für Jugendliche´ beglückwünsche ich THEATER STRAHL, das die Inszenierung ‚Weißbrotmusik’ in Koproduktion mit dem bat-Studiotheater und in Kooperation mit der UdK Berlin zur Aufführung gebracht hat. Weiterhin applaudiere ich allen Beteiligten: Dies sind die Autorin Marianna Salzmann, der Regisseur Nick Hartnagel die Schauspielerinnen und Schauspieler Bozidar Kovcevski, Bardo Böhlefeld . Christine Smuda, Claudia Lietz und Bernd Ocker Hölters. Veronika Witlandt , verantwortlich für Bühne und Kostüme und Alfred Hartung, verantwortlich für die Choreographie.

Diese ‚Weißbrotmusik’ wird uns noch länger in den Ohren klingen, sie lässt uns nachdenklich zurück. Dafür danken wir den Macherinnen und Machern als Zuschauer herzlich.”

Infos zum Stück WEIßBROTMUSIK...

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